Dinkel ist heute in vielen
Bio-Produkten enthalten und avanciert zum Liebling der
modernen Vollwertküche. Erst die biologische
Landwirtschaft ermöglichte dem fast vergessenen Korn
einen neuen Siegeszug quer durch einen gesunden
Speiseplan
Die Sonne brennt erbarmungslos vom
Himmel. Ein leichter Wind streicht über ein Tal, das
durch die reifen Getreidefelder in goldgelbes Licht
getaucht ist. Die Halme wiegen sich sanft im Wind.
Bauern, Knechte und Mägde schneiden das reife Korn in
gebückter Haltung. Von Zeit zu Zeit pausieren sie
kurz, um Sicheln und Sensen zu schärfen. Das Getreide
binden sie zu dicken Garben und stellen diese zum
Trocknen aneinander. Am Horizont drehen sich langsam
die Flügel der Windmühle.
So oder so ähnlich könnte sie gewesen
sein: die Getreideernte vor rund 160 Jahren. Bei dem
Korn auf den Feldern handelte es sich aber nicht um
Weizen, das heute nach Mais das meistangebaute
Getreide der Welt ist. Die damalige Hauptgetreide-
frucht war nämlich Dinkel. Ortsnamen wie Dinkelsbühl
oder Dinkelhausen erinnern noch heute an die einstige
Bedeutung des Urkorns. Weizen stellte für jene Zeit zu
hohe Ansprüche an die Bodenqualität und war zudem sehr
krankheits- anfällig. Erst durch moderne
Pflanzenzüchtung, intensive Düngung und den massiven
Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wurde der Anbau von
konventionellem Weizen in dem heute üblichen Ausmaß
möglich – zu Lasten des Dinkels. Heute werden für ihn
weniger als 10 Prozent der damaligen Anbaufläche
genutzt.
Eine junge, alte Getreideart
Dinkel gehört zu den Weizenarten. Lange
Zeit nahm man an, dass es sich beim Dinkel um eine
Urform des Weizens handelt. Neue Untersuchungen legen
aber nahe, dass Dinkel wahrscheinlich ein
Kreuzungsprodukt aus der alten, heute kaum noch
angebauten Weizenart »Emmer« und dem weitverbreitetem
Weichweizen ist. Wenn Weizen und Dinkel nebeneinander
blühen, können sie sich kreuzen.
Dinkel wird auch Spelz oder
Schwabenkorn genannt. Botanisch wird das Getreide als
Dinkel-spelz bezeichnet, denn jedes Korn sitzt hinter
drei fest umhüllenden, häutchenartigen Schalen, den
Spelzen. Während das Weizenkorn beim Drusch vom Spelz
getrennt wird, es also nackt dreschend ist, benötigt
Dinkel dafür noch einen zusätzlichen Arbeitsgang, den
Gerbgang.
Obwohl Dinkel und Weizen so eng miteinander verwand
sind, ist reifer Dinkel von Weizen gut zu
unterscheiden. Die zur Seite geneigten Ähren wirken
lang und dünn und auch das Dinkelkorn ist schmal. Die
Halme der Dinkelpflanze sind besonders hochwüchsig.
Das Getreide kann bis zu 170 cm groß werden.
Mit Beginn des Industriezeitalters und der
Technisierung der Landwirtschaft im 18. Jahrhundert
sank die Bedeutung des Dinkels. Durch die im
Weizenanbau übliche, intensive Düngung ließ sich der
Ertrag des Dinkels nämlich nicht steigern. Im
Gegenteil: Auf gut gedüngten Böden werden die Halme
des Dinkels zu lang, die Pflanzen kippen um. Das
aufwändige Entspelzen des Dinkelkorns brachte
zusätzliche Kosten mit sich, und der Dinkelanbau
schien gänzlich unrentabel zu sein.
Ungeeignet für die moderne
Massenproduktion
Vor allem Bio-Bauern waren bereit,
Qualität vor Quantität zu stellen. Sie nahmen kleinere
Erträge und höheren Arbeits- aufwand zu Gunsten des
qualitativ hochwertigeren Dinkels in Kauf. Die
Renaissance des Dinkels ist somit all denen zu
verdanken, die sich bewusster ernähren wollten und
nach Alternativen zum industriell gefertigten
»Einheitsbrei« suchten. Für den ökologischen Anbau ist
der Dinkel geradezu ideal. Er ist anspruchsloser als
Weizen, verträgt starken Frost und gedeiht auch auf
mageren Böden. Sein kräftiges Wurzelwachstum
ermöglicht eine bessere Ausnutzung der vorhandenen
Nährstoffe. Weizen braucht dagegen gute Böden, die
häufig gedüngt werden müssen, was wiederum das
Grundwasser stärker belastet. Die kräftigen Blätter
der Dinkelpflanze unterdrücken das Wachstum von
konkurrierenden Beikräutern und der Spelz schütztdas
Dinkelkorn nach der Aussaat vor Kälte und Schädlingen.
Das aus gesundheitlicher und ökologischer Sicht
umstrittene »Beizen« des Saatgutes mit Pestiziden wird
dadurch überflüssig. Außerdem bietet die Spelze einen
Schutz gegenüber Schadstoffen aus der Atmosphäre,
Radioaktivität und Einwirkungen durch Pilzkrankheiten,
wodurch das Korn auch weniger mit Umweltgiften
belastet ist als andere Getreidearten.
Nährstofftalent Dinkel
Eine alte Bauernweisheit besagt: Wirf
Hühnern ein Gemisch aus Dinkel und Weizenkörnern zum
Fressen vor und du wirst sehen, dass zuerst jedes
Dinkelkorn aufgepickt wird.
Das Federvieh scheint zu wissen, was gut ist, denn
Dinkel passt nahezu perfekt in die gesunde Küche. In
puncto Vitamin- und Mineralstoffgehalt liegt Dinkel
ganz vorn, denn die Stoffe sind nicht nur in den
Randschichten des Korns zu finden, sondern auch im
Mehlkörper. Deshalb haben auch helle Dinkelprodukte
noch einen hohen Nährwert. Das Getreide enthält viele
B-Vitamine, wie B1, B2, und Niacin, die notwendig für
die Funktion der Nerven, einen geregelten Stoffwechsel
und eine gesunde Haut sind. Der Dinkel zeichnet sich
außerdem durch viele wertvolle ungesättigte Fettsäuren
und einen hohen Gehalt an Kieselsäure aus. Das in der
Kieselsäure enthaltene Silizium geht in die Bildung
von Haut, Haaren und Bindegewebe ein, außerdem soll es
die intellektuelle Leistungsfähigkeit steigern. Im
Dinkel ist mehr Klebereiweiß – und dadurch auch mehr
essenzielle Aminosäuren – enthalten, als in Weizen,
Roggen oder Hafer. Aus essenzielle Aminosäuren baut
Körper sein Eiweiß auf. Viele Aminosäuren kann der
Körper selber produzieren, die essenziellen aber
nicht, sie müssen in ausreichender Menge mit der
Nahrung aufgenommen werden.
Würzig, nussig, einfach köstlich
Dinkel ist vielseitig einsetzbar und
begeistert aufgrund seines nussigen Aromas und seiner
speziellen Teigeigenschaften nicht nur Backfans. Ob in
Brot, Waffeln, Nudeln, Keksen oder in Bier – Dinkel
verleiht immer eine ganz besondere Note.
»Dinkelgebäcke müssen kaum gewürzt werden«, erklärt
der Vollwertbäckermeister Karl Otto Werz, »ihr
aromatisch-nussiger Geschmack ist Würze genug.« Wer
bisher mit Weizenmehl gebacken hat, wird sich an die
Teigeigenschaften erst gewöhnen müssen. Dinkelteige
sind besonders weich und formbar. Sie eignen sich sehr
gut für Quiches, Strudel oder auch Pizza. Die
Getreide- körner können problemlos über Monate oder
sogar Jahre gelagert werden. Wichtig ist nur, dass der
Lagerplatz trocken, kühl, dunkel, luftig und vor
Fremdgerüchen geschützt ist.
Die mildeste Getreideart
»Heute ist erwiesen: Dinkel macht
glücklich«, sagt Charlotte Ruck von
Naturata Spielberger, »das Urkorn ist reich an
Aminosäuren, die im Körper die Produktion heiter
stimmender Hormone anregen.« Dinkel-Fans schwören
schon lange darauf, dass das gesunde Korn
Allgemeinbefinden und Leistungsfähigkeit steigert.
Tatsächlich enthält der Dinkel viele wasserlösliche
Inhaltsstoffe, die schnell ins Blut übergehen und
somit Nährstoffe für den Körper rasch verfügbar
machen. In der Sportlerernährung findet Dinkel deshalb
zunehmend Anklang. Diese und weitere positive
Eigenschaften des Dinkels sind aber nichts Neues, sie
wurden schon um 1150 von der deutschen Mystikerin,
Ordensfrau und Heilkundlerin Hildegard von Bingen
beschrieben. In ihrem Werk »Physika« erklärt sie: »Der
Dinkel ist das beste Getreide, es ist warm, nährend
und kräftig; und milder als die anderen Getreidearten.
Es bereitet rechtes Fleisch und rechtes Blut. Es macht
frohen Sinn und Freude im Gemüt.« Hildegard von Bingen
starb 1179 mit 81 Jahren – ein sehr hohes Alter für
die damalige Zeit.
Heute ist Dinkel für viele Menschen mit
Weizenunverträglichkeit eine leckere und gesunde
Alternative, denn er enthält kaum Allergene. An
Zöliakie oder Sprue Erkrankte sollten den Dinkel wegen
seines hohen Glutengehaltes meiden und lieber
Getreidearten wie Reis, Mais, Hirse, Buchweizen und
Quinoa verzehren.
Genuss in Grün
Eine weitere schmackhafte Variante des
Dinkels ist Grünkern. Bei dem eigentümlich grünbraun
gefärbten Korn handelt es sich um unreif geernteten,
gedarrten Dinkel. Grünkern ist seit circa 300 Jahren
bekannt und hat eine eher traurige Entstehungs-
geschichte: Im Frühsommer, gegen Ende des 17.
Jahrhunderts, drückten schwere Unwetter mit Hagel und
Sturm das halbreife Getreide zu Boden. Der Verderb der
Frucht und Hunger drohten. In ihrer Not schnitten die
Bauern halbreife Ähren des Dinkels mit der Sichel ab
und trockneten sie in Pfannen über dem Feuer. Weil dem
unreifen Korn die Backeigen- schaften fehlen und es
auch zum Keimen ungeeignet ist, kochte man die
gedörrten grünen Körner mit Wasser. Das Ergebnis war
eine köstliche Suppe. Heute wird Dinkel zur
Grünkernproduktion im milchreifen Zustand geerntet,
das sind drei oder vier Wochen vor der Vollreife. Das
Korn hat zu dem Zeitpunkt seine volle Größe erreicht,
ist aber im Innern noch milchig-feucht. Beim
anschließenden Darren werden die Körner cira sechs
Stunden bei 100 bis 120 °C vorsichtig getrocknet. Das
Korn bekommt dann seine eigentümliche grünbraune
Farbe. Obwohl Grünkern viel härter als Dinkel ist,
wird er beim Kochen schneller gar. Der Grünkern
schmeckt würzig-aromatisch und eignet sich –
geschrotet und als ganzes Korn – besonders für pikante
Gerichte, er verfeinert Brotaufstriche, Bratlinge und
Soßen.
Neue Sorten sind durch und durch Bio
Dinkel ist lange Zeit kaum züchterisch
bearbeitet worden. Sorten wie Oberkulmer Rotkorn oder
Bauländer Spelz sind alte, ursprüngliche Landsorten,
die heute wieder zunehmend kultiviert und verarbeitet
werden. Weil alte Dinkelsorten auf manchen Böden
leicht umkippen, sind erstmals neue Sorten nach
biologisch dynamischen Richtlinien gezüchtet worden.
Die positiven Eigenschaften des Dinkels – wie die
Ernährungsqualität, der Geschmack, das typische
Erscheinungsbild der Dinkelpflanze und die Anpassung
an den ökologischen Anbau – stehen dabei im
Vordergrund. Weizenunverträglichkeiten sind durch die
neuen Bio-Dinkelsorten bisher nicht aufgetreten.
Einige Hersteller, wie zum Beispiel Bauckhof,
verwenden die neuen Bio-Sorten erfolgreich. »Von
unseren Kunden bekommen wir viele positive
Rückmeldungen,« sagt Tanja Porsiel von Bauckhof, »die
neuen Produkte seien sehr gut bekömmlich und
›biologisch-dynamisch von Anfang an‹.«
Ob alte oder neue Dinkelsorten, das Getreide
bereichert unseren Speiseplan in jedem Fall, und so
mühselig wie damals sind Anbau und Ernte des Dinkels
zum Glück auch nicht mehr. jga
Mehl: nussig
Wer gewohnt ist, mit Weizenmehl zu
backen, wird sich an die Eigenschaften des Dinkelmehls
erst gewöhnen müssen. Durch den hohen Anteil an
Klebereiweiß werden Teige sehr weich. Kenner benutzen
das Mehl gern für Strudelteige.
Flocken: zart und kernig
Mit speziellen Geräten kann man Flocken
selbst quetschen, im Geschäft gibt es sie aber auch
fertig zu kaufen. Die kernigen Flocken machen sich
hervorragend in Müsli, Suppen, Bratlingen oder Gebäck.
Lecker ist auch das gepoppte Dinkelkorn.
Korn: vielseitig einsetzbar
Korn oder Schrot am besten vor dem
Verarbeiten drei Stunden einweichen. Dadurch wird das
Getreide aufgeschlossen und Mineralstoffe werden
besser verfügbar gemacht. Beides eignet sich
hervorragend für Müsli, Suppen, Salate oder Aufläufe.
Gebäck: sandig-locker
Ob Kekse, Waffeln, Kuchen oder pikantes
Salz- gebäck – die typische Dinkelnote kann man aus
allen Gebäcksorten herausschmecken. Dinkelgebäck-
stücke sind von sandig-weicher und sehr lockerer
Konsistenz.
Kaffee: lecker ohne Koffein
Dinkelkaffee gibt es als ganze »Bohne«
oder leicht lösliches Instantpulver. Das aromatische
Getränk zeichnet sich besonders durch seine
Bekömmlichkeit aus. Da der Dinkelkaffee kein Koffein
enthält, ist er auch für Kinder geeignet.
Brot: locker-aromatisch
Dinkelbrot wird aus mindestens 90
Prozent Dinkelerzeugnissen hergestellt. Wer keinen
Weizen verträgt, sollte reines Dinkelbrot bevorzugen.
Neben dem ausgezeichnet nussigen Geschmack ist es auch
noch sehr bekömmlich.
Bier: erfrischend-fruchtig
Reines Wasser, Gerstenmalz, Dinkelmalz
und Hopfen sorgen für einen besonderen, mild-
aromatischen, aber außergewöhnlich spritzig-
fruchtigen Geschmack, der etwas an Weizen- bier
erinnert.
Backmischungen: gelingt sicher
Wenn es mal schnell gehen muss, gibt es
Dinkelbrot, Dinkelkuchen oder Dinkelgebäck auch als
Backmischungen. Hefe oder Biskuitteige aus Dinkelmehl
halten besonders viel Luft und werden dadurch locker
und leicht.
Bratlinge: aromatisch-köstlich
Dinkel eignet sich hervorragend für
Bratlinge. Durch kein anderes Getreide werden sie so
gut zusammen- gehalten. Ob nussige Dinkelschrot- oder
würzige Grünkernbratlinge – beide Varianten sind
äußerst beliebt.
Nudeln: vielfältig
Ob mit oder ohne Ei, aus dem vollen
Korn, oder hell, Rigatoni oder Penne – Dinkelnudeln
gibt es in zahlreichen köstlichen Varianten. Es ist zu
beachten, dass Dinkelnudeln etwas kürzer gekocht
werden als Weizennudeln.
Spelzen: kein Abfallprodukt
Dinkelspelzen eignen sich hervorragend
als Kissen oder Matratzenfüllung. Sie halten viel Luft
und sind dadurch locker und warm. Ein
Dinkelspelzkissen soll z.B. Verspannungen oder
Schlafstörungen vorbeugen.
aus:
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